Geschichte Wollersheims

Ein Blick in die Geschichte unseres Dorfes

Mit dem 1. Januar 1972 ging ein wesentlicher Abschnitt in der vielhundertjährigen Geschichte unseres Dorfes zu Ende. Aus der selbstständigen Gemeinde Wollersheim, deren Geschicke bisher von einem eigenen Rat gelenkt wurden, ist der Stadtbezirk Nideggen-Wollersheim geworden. Dieser Stadtbezirk wird künftig nur noch durch einen Vertreter im Stadtrat die Fragen und Probleme seiner Bürger an den Rat und die Verwaltung herantragen können.

Die kommunale Neugliederung kann man nach jahrelangen Diskussionen um das Für und Wieder begrüßen oder bedauern. Die Entfernung des Bürgers von den ihn betreffenden politischen Entscheidungen und seine Mitwirkung daran ist größer bzw. schwieriger geworden. Wieder ist ein Stück Unmittelbarkeit der Demokratie unwiderruflich verloren gegangen.

Aber unser Dorf als historisch gewachsene wirtschaftliche, soziale und damit auch politische Gemeinschaft wird in die Zukunft hinein weiterbestehen. Es liegt an den Bürgern von Wollersheim, diese Gemeinschaft sinnvoll, lebendig und lebenswert zu gestalten.

Dort, wo der Rotbach von den Höhen der Rureifel kommend in die fruchtbare Zülpicher Börde einfließt, liegt in den sanften Höhenzügen der Voreifel eingebettet unser Dorf Wollersheim. Dieser Grenzbereich zwischen unwirtlicher Mittelgebirgslage und Ebene, auch Wollersheimer Stufenländchen genannt, ist uraltes Siedlungsgebiet. Die geologischen und botanischen Besonderheiten dieses landschaftlich reizvollen Raumes sind neben einem freundlichen Klima von Muschelkalk und Buntsandstein geprägt. Hier findet m an Pflanzenarten und Pflanzengesellschaften, welche in dieser Weise nur an wenigen Stellen Deutschlands anzutreffen sind. Nach Aussagen eines Biologen trifft man hier allein auf 16 verschiedene Arten von Knabenkräutern (Orchieenarten), die in der Vielfalt und Schönheit ihres Vorkommens wohl einmalig sind.

Dieses Einzigartige unserer naturräumlichen Umwelt zu schützen und zu erhalten sollte sich jeder zur persönlichen Aufgabe machen, besonders in einer Zeit, in der der Mensch keine Anstrengungen unterlässt, diese Erde unbewohnbar zu machen.

Wollersheim hat eine lange und bewegte geschichtliche Vergangenheit. Eine reiche Fülle an Bodenfunden wie Beile, Pfeilspitzen und Feuersteinabsplissen weisen auf eine Besiedelung schon während der Jungsteinzeit hin. Um diese Aussage zu verdeutlichen, ist es wichtig zu wissen, dass die Jungsteinzeit etwa den Zeitraum von 5000 bis 3000 v. Chr. umfasst. Die Römer hielten dieses Geibet seit der christlichen Zeitwende bis ins 5. Jahrhundert hinein besetzt und hinterließen viele Spuren ihrer Anwesenheit. Zahlreiche Ausgrabungen in der Umgebung von Wollersheim, das an einer wichtigen Zweigstraße der römischen Heerstraße von Trier nach Köln lag, förderten Gebrauchs- und Kultgegenstände, ja ganze Siedlungen zutage. Diese wertvollen Funde in der Nähe der Burg Gödersheim, auf dem Pützberg, auf dem Lieberg in Richtung Embken und zuletzt im Badewald, der im Gemeindegebiet von Wollersheim liegt, zeugen von einem regen wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Leben unserer kelto-germanischen und gallo-römischen Vorfahren bis hin zur fränkischen Landnahme. Die Franken bestatteten ihre Toten mit reichen Grabbeigaben oft in Grabtrögen aus behauenem Sandstein, welche sie mit Platten des gleichen Materials abdeckten. Die große Zahl der gefundenen Gräber sowie die darin enthaltenen Waffen (Schwerter, Lanzen etc.) deuten darauf hin, dass es sich bei den Toten um gefallene Soldaten handeln muss, die in einer größeren kriegerischen Auseinandersetzung ums Leben kamen.

Hier setzen die Kenner der Heimatgeschichte nun die Jahreszahl 496 n. Chr. ein. Dieses Jahr brachte die große Schlacht des Frankenkönigs Chlodwig gegen die Alemannen. Die Schlacht gewann für die Geschichte des Abendlandes große Bedeutung. Herr Oberstudienrat Heribert van der Broeck hat in seinem Buch „2000 Jahre Zülpich“ wohl den schlüssigen Beweis für die These erbracht, dass die Chlodwigschlacht tatsächlich im Bereich Zülpich-Wollersheim stattgefunden hat. Zahlreiche Flurnamen wie Klotzacker, Klotzlinde, Klotzweg und Klotzberg werden von Ethnologen in der Silbe „Klotz“ von Chlodwig abgeleitet. Martertal, im Streit, im Unfrieden, Kriegerweg und Königsacker weisen in ihrer Bedeutung auf das große geschichtliche Ereignis hin. In Wollersheim erzählt man sich die Sage, dass während des Kampfes die Gattin Chlodwigs, Chlothilde, welche schon Christin war, in der Kirche zu Wollersheim um den Sieg gebetet hat. Chlodwig ist dann nach dem Sieg über die Alemannen selbst Christ geworden und hat in Reims die Taufe empfangen. Von da an setzte eine intensive Christianisierung des Frankenvolkes ein.

Die Geschichte Wollersheims ist im Mittelalter durch viele Ereignisse wie Fehden und mehrere große Brände gestaltet. Im Grenzgebiet zwischen dem Herzogtum Jülich und dem kurkölnischen Bereich hat es oft den Besitzer gewechselt und war stets Objekt verschiedenster Machtinteressen. Ende des 7. Jahrhunderts missionierte der hl. Willibrord das Frankenland. 1231 hieß das Dorf noch Wolrisheim. Dieser Name wird auf Willibrord mit Willibrordusheim zurückgeführt.

Eine große geschichtliche Stunde erlebte unser Dorf im Jahre 1388 beim sogen. Friedenschluss zu Wollersheim. Die Herzogin von Brabant führte mit dem Herzog Wilhelm von Geldern Krieg. Das brabantische Heer wurde an der Maas geschlagen. Die Herzogin von Brabant rief König Karl VI. zu Hilfe. Da griff Herzog Wilhelm II. von Jülich ein, sagte König Karl selbst Fehde an und rief seinerseits die Engländer, welche schon fast 50 Jahre mit Frankreich Krieg führten, um Beistand. Karl VI. zog mit einem Heer von 200.00 Mann in das Herzogtum Jülich ein und lagerte am 17. November 1387 in Wollersheim. Hier kam es nach langen Verhandlungen, in die sich der Erzbischof von Köln, der Bischof von Lüttich und der Herzog von Lothringen als Vermittler einschalteten, zu besagtem Friedenschluss im Zelte des Königs.

Bereits im Jahre 1184 ist urkundlich belegt, dass das von Plektrudis der Gattin König Pippins begründete Stift St. Maria im Capitol zu Köln in Wollersheim des sogenannten Frauenhof oder Beginenhof besaß. Hier handelte es sich um das Anwesen Wilh. Nagelschmidt. Die alte Wollersheimer Pfarrkirche bildete mit dem Stift eine bauliche Einheit, die heute noch erkennbar ist. Im Weistum von Wollersheim aus dem 15. Jahrhundert heißt es: „In Embken und Wollersheim, wo die Frau von St. Marien Grundherrin ist, ist der Vogt von Hengebach (Heimbach) Ober- und Gewaltherr. Er hat das Hochgericht und die Frau von St. Marien zu beschirmen für 5 Mark Vogtgeldes und andere Einkünfte. Er soll auf dem Abteihof zu Wollersheim reiten mit seinem Kaplan, seinen Rittern und Knechten, seinen laufenden Hunden und fliegenden Vögeln (Falken). Im Hof soll man den Pferden Futter geben. Dann soll der Vogt in die Kirche gehen und die Messe hören. Wenn diese beendet ist, wird ihm im Hof eine Tafel gedeckt und ihm und allen die er mitbringt, Speise und Trank gereicht. Dann geht er auf die Straße und besitzt das Vogtgedinge. (Er hält Gericht.) Hat er das vollendet, so gibt ihm die Frau von St. Marien 6 Schillinge in seinen Beutel und lässt ihn reisen Gott befohlen.“ (Zit. in „Das Dekanat Zülpich“, S. 349)

Die alte Wollersheimer Pfarrkirche ist wohl eines der ältesten Sakralbauwerke weit im Lande. Der Turm dieses Gotteshauses ist der älteste Kirchturm im Kreis Düren. Er stammt aus dem 12. Jahrhundert und Vermutungen gehen dahin, dass vorher an dieser Stelle  ein römischer Signalturm zur Übermittlung von Feuer- und Rauchsignalen auf der Strecke von Trier nach Köln gestanden hat. Das ursprünglich vierschiffige Langhaus ist im 15. Jahrhundert entstanden. Die Einwölbung, vorher war das Mittelschiff flach gedeckt, erfolgte Anfang des 16. Jahrhunderts. Später wurde das nördliche Seitenschiff abgebrochen und die Pfeilerbögen vermauert. Die wertvollen Chorgestühle sowie ein Beichtstuhl kamen ins Schnütgenmuseum nach Köln, wo sie heute noch zu sehen sind.

Um welches bauliche Kleinod, eng verbunden mit der Geschichte des Dorfes, es sich hier handelt, zeigen intensive Bemühungen vieler amtlicher Stellen, aber auch Einzelpersonen, um die Erhaltung und Restaurierung des Bauwerks.

Vor kurzer Zeit ist es dem letzten Rat der Gemeinde gelungen, in Zusammenarbeit mit Kirche und Denkmalpflege eine Planung durchzuführen, nach der die alte Kirche künftig als Leichenhalle dienen soll. Somit wird dieses schöne alte Gotteshaus, nachdem es fast 70 Jahre durch Verfall und Kriegen bedroht war, wieder eine Aufgabe haben, nämlich unseren Toten letzte Herberge zu sein, bevor sie der Erde zurückgegeben werden.

In diesem kurzen Abriss war es leider nicht möglich, die Geschichte von Wollersheim umfassen mit jedem interessanten Detail darzustellen. Vieles wäre  noch zu sagen, vieles ist noch nicht erarbeitet und zusammengefasst.

Dieser kleine Artikel soll den Leser anregen, ein wenig bewusster seine Umwelt zu betrachten.

Albert Grein
Aus der Festschrift der Dorfgemeinschaft
Wollersheim zur Kirmes 1972

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